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Kleine Sänger des Herbstes: Die Bedeutung der Grillen in Japan

9. Aug.
4 Min. Lesezeit

Wenn die Sommerhitze in Japan langsam nachlässt, verändert sich auch die Geräuschkulisse. Das durchdringende Rufen der Zikaden tritt zurück. Dafür werden am Abend andere Stimmen hörbar: ein feines Zirpen im Gras, ein heller, beinahe gläserner Ton aus einem Gebüsch. Es sind die Klänge, die in Japan seit Jahrhunderten zum Herbst gehören.

Grillen und andere singende Insekten sind dort nicht bloß Hintergrundgeräusche. Sie tauchen in Gedichten auf, gehören zur klassischen Literatur und wurden früher sogar in kleinen Käfigen gehalten, damit man ihren Gesang zu Hause genießen konnte. Wer ihre kulturelle Bedeutung verstehen möchte, muss deshalb vor allem eines tun: zuhören.


Nicht jede kleine Sängerin ist eine Grille

Im Deutschen sprechen wir schnell von „Grillenzirpen“, sobald es abends aus einer Wiese klingt. Auch beim Blick auf Japan lohnt sich jedoch eine Unterscheidung.

Unter den geschätzten Herbstsängern finden sich verschiedene Grillenarten, aber ebenso andere Insekten aus der Ordnung der Heuschrecken. Zu den bekanntesten gehört die Suzumushi, deren Name sich sinngemäß als „Glockeninsekt“ übersetzen lässt. Diese Grillenart erzeugt einen hellen, klingelnden Laut. Die ebenfalls berühmte Matsumushi gehört auch zu den Grillen, während die Kirigirisu im heutigen Sprachgebrauch eine Laubheuschrecke bezeichnet.

Die japanische Vorstellung von singenden Insekten ist also weiter gefasst als unser Wort „Grillen“. Kulturell verbindet sie vor allem ihre Stimme - und die Jahreszeit, die sie ankündigen.


Dem Herbst zuhören: die Tradition des Mushi-kiki

In Japan gibt es einen eigenen Begriff für das bewusste Lauschen auf Insektenstimmen:

Mushi-kiki.

Schon in der höfischen Kultur der Heian-Zeit, die von 794 bis 1185 dauerte, schätzte man den Gesang herbstlicher Insekten. Ihr Klang gehörte zur Wahrnehmung der Jahreszeiten, ähnlich wie die Kirschblüte im Frühling oder das verfärbte Laub im Herbst.

Später, besonders in der Edo-Zeit, wurde dieses Vergnügen auch in städtischen Bevölkerungskreisen beliebt. Man suchte Orte auf, an denen die Tiere gut zu hören waren, oder holte sich die kleinen Sänger nach Hause.

Das klingt zunächst ungewöhnlich. Ein Insekt halten, um ihm zuzuhören? Wer jedoch einmal auf die verschiedenen Rufe achtet, bemerkt schnell, dass nicht einfach alles gleich zirpt. Manche Laute sind kurz und rhythmisch, andere ziehen sich als feines Klingeln durch die Abendluft. Aus einem vermeintlichen Hintergrundgeräusch wird etwas, dem man tatsächlich Aufmerksamkeit schenken kann.


Kleine Käfige, große Aufmerksamkeit

Im Japan der Edo-Zeit wurden singende Insekten von Händlern verkauft. Kleine, häufig aus Bambus gefertigte Käfige machten es möglich, ihren Gesang auch in einem Stadthaus zu hören.

Dabei stand nicht, wie bei vielen anderen Haustieren, das Aussehen im Vordergrund. Entscheidend war der Klang. Ein unscheinbares Tier konnte gerade wegen seiner Stimme geschätzt werden.

Aus heutiger Sicht lässt sich diese Haltung natürlich auch kritisch betrachten. Als Kulturgeschichte zeigt sie aber, welchen Stellenwert das Hören besaß. Natur wurde nicht nur angeschaut oder in Gartenlandschaften gestaltet. Man wollte sie auch akustisch in den Alltag holen.


Was Grillen mit japanischer Dichtung zu tun haben

In der japanischen Lyrik können wenige Worte eine ganze Jahreszeit aufrufen. Insektenstimmen gehören zu diesen vertrauten Zeichen. Im Haiku gilt etwa der Ausdruck mushi no koe, die „Stimmen der Insekten“, traditionell als Herbstmotiv und kann als Jahreszeitenwort, als Kigo, dienen.

Die Wirkung liegt dabei nicht allein im angenehmen Klang. Mit dem Herbst rückt auch das Ende der warmen Monate näher. Das Zirpen kann deshalb zugleich lebendig und wehmütig wirken: Noch ist die Nacht voller Stimmen, doch diese Zeit wird vorübergehen.

Hier berührt das Motiv ein häufig beschriebenes Empfinden der japanischen Ästhetik: Mono no aware, die leise Bewegtheit angesichts der Vergänglichkeit. Nicht jeder Mensch in Japan denkt beim Grillenzirpen an dieses Konzept. In Literatur und Kunst lässt sich diese Verbindung jedoch gut erkennen.

Auch im Genji monogatari, dem berühmten Werk aus dem frühen 11. Jahrhundert, begegnet uns die Wertschätzung singender Insekten. Ein Kapitel trägt den Namen „Suzumushi“. Solche Bezüge zeigen, dass die kleinen Tiere längst Teil einer kulturellen Bild- und Klangwelt waren.


Vom klassischen Gedicht ins Kinderlied

Die Bekanntheit dieser Insekten beschränkt sich nicht auf alte Literatur. Das japanische Kinderlied „Mushi no koe“ greift die Rufe verschiedener Herbstinsekten auf und gibt sie lautmalerisch wieder.

Das ist mehr als eine niedliche Spielerei. Wer solche Laute schon als Kind kennenlernt, kann später möglicherweise Unterschiede heraushören, die anderen verborgen bleiben. Die Wiese klingt dann nicht einfach nach „irgendwelchen Insekten“, sondern nach mehreren erkennbaren Stimmen.

Daraus sollte man allerdings keine mystische Behauptung über ein grundsätzlich anderes japanisches Gehör machen. Entscheidend sind Aufmerksamkeit, Erfahrung und kulturelle Vertrautheit.


Wo die Tradition heute weiterlebt

Auch heute haben singende Insekten ihren Platz im japanischen Alltag und in der Vorstellung vom Herbst. Ein bekanntes Beispiel ist der Tempel Kegonji in Kyoto, der meist Suzumushi-dera, also „Glockeninsekten-Tempel“, genannt wird. Dort werden Suzumushi unter kontrollierten Bedingungen gehalten, sodass ihr Gesang das ganze Jahr über zu hören ist.

Für eine persönliche Begegnung mit diesen Klängen braucht es aber keinen berühmten Ort. Oft genügen ein Park, ein Flussufer oder ein bewachsener Wegrand an einem Spätsommer- oder Herbstabend. Wie deutlich die Tiere zu hören sind, hängt natürlich von Wetter, Umgebung und Jahreszeit ab.


Eine leise Seite Japans

Über Japan wird häufig in großen Bildern erzählt: leuchtende Straßenzüge, Tempeltore, Kirschblüten. Die Kultur der singenden Insekten lenkt den Blick - oder besser das Ohr - auf etwas Unscheinbareres.

Ihre Bedeutung liegt nicht darin, dass jede Grille ein festes Symbol für Glück oder Wohlstand wäre. Vielmehr stehen ihre Stimmen in vielen kulturellen Zusammenhängen für den Herbst, für Vergänglichkeit und für die Freude daran, einen kurzen Moment bewusst wahrzunehmen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, auf einer Japanreise abends gelegentlich die Kopfhörer abzunehmen. Nicht, weil hinter jedem Zirpen eine große Weisheit steckt. Sondern weil sich ein Land manchmal auch durch das erschließt, dem Menschen seit Jahrhunderten zuhören.

 






Sterbende Grille -

wie voll von

Leben, sein Gesang.

Haiku von Matsuo Bashō


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